Wenn Herr Knüwer nicht will

12 04 2007

… muss halt der Ex-Mitbewohner ran.
Joe

Patrick fühlte sich irgendwie nicht so richtig für voll genommen. Seit drei Wochen schon war er in der kleinen Agentur und nichts. Nichts als: Kaffee hier, kopieren dort. Und die Sache mit der Praktikumsvergütung sollte auch mal wieder bis zur nächsten Teamsitzung warten. -Tagesordnungspunkt 26, direkt hinter der Anschaffung neuer Pfefferstreuer mit Peugeot-Mahlwerk für die Pantry.

Doch das Blatt schien sich zu wenden. Vor zwei Tagen hatte die süße Brand-Managerin Mareille angefangen, ihm Komplimente zu seinem Outfit zu machen. Und plötzlich machte sich selbst Vize-Chef Ulf daran, ihm Honig um den Bart zu streichen. Er fing an, Karl-Kani Baggys über den Schuhen von Ludwig Reiter zu tragen.

Vor nicht all zu langer Zeit war Patrick von ihm noch auf seine pennälermäßige Kleidung hingewiesen worden, und jetzt erkundigte sich Ulf freundlichst, wo man denn diese „abgefahren krassen“ Base-Caps beziehen könne. Mareille hatte ihm in Aussicht gestellt, „die lebenslange Freihaus-Lieferung an Körperpflegeprodukten von namhaften Herstellern sei das Mindeste“, was drin sei, wenn er sich für eine kleine „Teaser-Kampagne“ für das Internet fotografieren lassen wollte. Sein Gesicht sei auch „irgendwie so voll 2.0“. Und außerdem sei die Geschichte mit den Pfeffermühlen auch nun wirklich nicht so wichtig, wie Ulf immer tue.

Joe

Genau, dachte Patrick bei sich und unterschrieb den vor sich liegenden Computer-Ausdruck. Nein, das müsse man nicht wirklich alles lesen, das sei der übliche Abtretungsvertrag für Bildrechte. Sogar sein PC-Now-Today-Abo wollten sie ihm bezahlen – für zwei ganze Jahre! Mein lieber Schollie! Und dafür sollte er „nur im Netz ein par Seiten besuchen, hie und da ein paar Kommentare verfassen und immer wieder diesen bekloppten Slogan von Senior-Text-Consultant Arne-Olaf einflechten: “42b”.

Für Patricks Bemerkung, ob „42b“ Arne-Olafs Abschlussklasse gewesen sei, hatte es zwar eine saftige Schelle gegeben – „Alles nur voll Spastis hier, oder was? Das heißt FORTUBIE! Und is’ Englisch, du Nulpe!“ Aber er hatte endlich das Gefühl, gebraucht zu werden.

“Na, du alter Hips-Hopser”, polterte Arne-Olaf und stolperte zur Tür herein. Patrick schluckte ein kleines Kichern. Er brachte es nicht übers Herz, den offenen Schnürsenkel-Trick mit den Sneakern nochmal zu erklären. “Cola, Du alter Wichser?” frotzelter er und schnupfte in sein mit einem Monogram besticktes Taschentuch. Der Heuschnupfen setzte recht früh ein in diesem Jahr.

“Guck mal, du junger Hüpfer, das ist deine neue Freundin von Top-Taste-Models, geile Titten, oder was?”, sprach der Wortjongleur und schob ihm unter geräuschvollem Rotzaufziehen die Sedcard zu. “Einscannen, Popelschnucki! ”

Einen Raum weiter rauchten die Köpfe. Der eigens einbestellte Industrie-Dolmetscher musste ab und an überlegen, wie er “einen Hauch Laserdrucker mit einer Kopfnote von kaltem Kaffee auf einem Basisbuket von Käsechnachos in verranzter Tastatur” in halbwegs seriöses Französisch retten könnte. Monsieur Beaufort überlegte, ob er für diese Zumutung zwölf Jahre bei Coco-channel gelernt hatte. Warum man damals den Morgtenthau-Plan bloß verworfen hatte, leuchtete ihn beim Anblick dieser halbkultivierten Bauern mit zu dicken Kassengestellen wahrlich nicht ein. Als er sich auch noch genötigt sah, den Begriff „cybR-sensuality for a new generation @ the edge“ (Tippfehler dank “Joe” korrigiert) in die Sprache von Satre und Camus zu transferieren, begann er nun auch körperlich den Kopf auf die Glasplatte des von Phillip Starck entworfenen Konferenztisches zu hämmern.

Spät war es geworden in der Agentur. Patrick nuckelte an seiner schalen Cola und ereichte nur noch Grafik-Junior Frank. Alle Entscheider waren bereits zur „Osterfyer“ in die Katjusha-Lounge gegangen. “Du Frank, ich soll doch noch diesen Beitrag über Cynthias Barbecue mit’m Bild machen, hab ihr da was für mich?” „Bist du doof?“, krächtzte es hohl und etwas angetrunken aus dem Hörer: „Wofür gibt’s denn Google, Hirni!

Joe

UPDATE: Teil 2…

„Scheiße, sie haben uns am Arsch!“ Ulfs Wurstfinger fanden nur mit Mühe die richtigen Stellen auf der für ihn viel zu kleinen Blackberry-Tastatur. St. Moritz war fürs erste gegessen. Mareilles Anruf erlöste ihn für’s Erste aus seiner misslichen Lage. “Loki Ltd Int. haben Arne-Olaf gerade Feuer unterm Hintern gemacht. Die sind richtig stinkig, Du”, quietschte die Stimme der Markenfachfrau aus der Hörmuschel. Diese naseweisen Brillenschlangen haben unser Konzept auffliegen lassen und schreiben jetzt, dass sie uns ganz unmöglich finden. Und vor allem sind wir für die auch gar nicht echt. Die Kampagne war von Anfang an auf Autentität (sic) ausgelegt.”

“Na und, dann muss Patrick halt in Doppelschicht Dementis verfassen, damit er sein PC-Now-Today-Abo behalten darf”, versuchte der wortgewandte Berufsschreiber seine Kollegin zu beruhigen. „Und außerdem: Wer liest das denn schon? Auf deren Klowänden können die doch kritzeln, was sie wollen.” Mareilles Stimme hüpfte augenblicklich in die viergestrichene Oktave. Ulf blendete das in seinen Augen hysterische Geschwafel aus, und ließ seinen Blick über das Alpenpanorama schweifen. Bis ihm bei der Erwähnung der Worte „Spiegel Online“ ein mit Selbstbräuner vermengter Schweißtropfen auf den blütenweißen Skianzug tropfte.

Nördlich der Alpen lief ein in die Jahre gekommener Agenturchef Löcher in seinen Parkettboden.
“Nein, Mr. Murphy, ich sagte ihnen doch bereits das die Aufdeckung der, äh Viralkampagne durch die, äh Blogbetreiber durchaus in unserem Konzept von Anfang an… äh ja, Mr. Murphy…? Nein, Mr. Murphy nie im Leben würde ich Sie, ….käme gar nicht auf den Gedanken, …Ihnen gegenüber sowieso nicht. Ja, sofort. Verstanden Mr. Murph.. Morgen schon?! Werde ich umgehend veranlassen!”

Loki wollte Köpfe rollen sehen. Köpfe würden rollen. Patrick öffnete sich eine Cola; auf Firmenkosten. Gerade hatte der einbestellte Techniker den Raum verlassen, hundertzwanzig Euro aus der Kaffeekasse eingesteckt und versichert, dass auf diesen Seiten in Zukunft niemand mehr so einfach Kommentare verfassen würde. Hatte sich doch gelohnt, die neue PC-Now-Today zu lesen. Das Fotoshooting mit den Models heute Vormittag war auch eine angenehme Abwechslung zum Abtippen von Ulfs Geschwurpse gewesen. Die brünette Portugiesin hatte ihm zum Abschied sogar zugezwinkert.

Der vertraute Benachrichtigungston von MS Outlook riss ihn abrupt aus seinen Tagträumen. Patrick richtete sich auf. Mit einem gekonnten Doppelklick öffnete er das vertraute Mailprogramm. Er überflog die neuen Schreibanweisungen aus Ulfs Resort. Binnen einer Sekunde lief braunes Zuckerwasser simultan aus einer fallengelassenen Colaflasche und Patricks offenem Mund. “Vergesst es! Das schreibe ich nicht!…Ich bin nicht schwuuuuuul!!!!”

Mareiles Kopf erschien im Türrahmen. Das dazugehörige Grinsen stand auch schon im Raum. “Das ist aber schon deine Unterschrift auf diesem Vertrag, oder? ” pfiff sie zwischen ihren Zähnen hindurch in den Mediaroom.

Ulfs Nacht war kurz gewesen. Der Frühflug unnötigerweise völlig überbucht. Er in der Economy Class. Wenn sich das herumspräche. Den Blackberry hatte er inzwischen gegen Stift und Papier getauscht und ohne Unterlass an einer Pressemitteilung gefeilt. Doch jetzt war der Wurm drin. Er kam nicht weiter. Über diese beiden Knallschoten aus Hamburg war auch nichts Richtiges in Erfahrung zu bringen. Auf jeden Fall nichts, was für eine ordentliche Diskreditierung reichen würde. Bis auf einen mediokren Musikgeschmack und einem Hang zu gefälschten Markenunterhosen aus Fernost bei dem einen, einer Vorliebe für Hydranten-Fotos bei dem anderen. Ulf brauchte Inspiration. Aber dringend. Er nestelte geistesabwesend an seiner Brieftasche herum, hatte bereits zwei Kreditkarten in der Hand – als sich sein und der Blick des Taxifahrers im Rückspiegel trafen. Die Am-Ex verschwandt leise im Schweinsleder. Ulf in seinem Sitz.

Seitdem die Wagenkolonne vor der Agentur geparkt hatte und die Abordnung von Loki Ltd. geschlossen in Arne-Olafs Büro gegangen waren, hatte der sonst so agile Firmenchef nicht mehr viel gesprochen. Die Zeit der großen Worte war vorbei. Die der großen Aufträge wohl auch. Tanja A., die Dame vom Eingang, brachte schweigend ein Tablett mit Kaffee in den Konferenzraum. Unauffällig schob sie ihrem Chef einen Zettel in die Jacketttasche.

In einem unbeobachteten Moment zwischen dem drei- und dem vierundachtzigsten “Ja, Mr. Murphy” huschten seine Augen über den vom offensichtlich frisch eingetroffenen Ulf verfassten Zettel. Eigenartig, diese Abteilung seines Hauses kannte er bisher noch gar nicht. Und dieser Name sagte ihm auch absolut nichts… doch plötzlich sah er klarer: Ja natürlich. Das war die Lösung!

Ulf hatte zwar immer ein wenig seltsam auf Patrick gewirkt, heute jedoch schoss er den Vogel ab. Wild gestikulierend, Zähne knirschend, mit Schaum in den Mundwinkeln drosch er augenrollend auf die Tastatur ein.

“Siehst du Patrick, das ist Sun-Tzu, das ist „The Art of War“! Nehme die Waffen deines Gegners und wende sie gegen ihn!

Sie schreiben hier >> bei dem Scheiß wird mir nicht nur schlecht. Diese Agentur macht, dass ich wegrennen möchte< < Wir zitieren den Blogger mit:>>Nicht nur schlecht. Diese Agentur macht das Rennen…< < Harharr!

So schreibt man Pressemitteilungen! Und jetzt schreiben wir noch, wie groß unser Auftraggeber ist und wieviel Kohle die haben, die scheißen sich dann doch in die Hosen. Das ist Leadspeak ihr Flachwixer!" Patrick fragte sich, wie Ulf es fertig gebracht hatte, in den letzten zwanzig Minuten nicht einmal blinzeln zu müssen. Konnte ihm ja auch egal sein. Er war vor fünf Minuten befördert worden. Und solange er diesen gurkennasigen Dressman, der in diesem Trauerspiel eine Figur namens Tarek darstellte, nicht noch einmal für die Kamera küssen musste... die Tür flog auf. Der Boss höchstpersönlich kam herein.

Vier Männer in wirklich gut sitzenden Anzügen zu beiden Seiten. Arne-Olaf sagte: "Und das ist unser Senior-Soap-Storyliner sowie Leiter Im bereich Virales-Ambush-Marketing Herr, äh..." Patrick sagte: „Patrick.“ „Sie hören von unseren Anwälten“, sagte Mr. Murphy.


Text: Jo(e) Larsson
Lektorat: Marco Maas
Fotos: Google
Visagistin: Carola Liese
Tiertrainerin: Carola Liese
Licht: Marco Maas/Carola Liese
Hund: Nase
Kostüm: Jo Larsson, Carola Liese, Marco Maas


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9 Antworten zu “Wenn Herr Knüwer nicht will”

  1. 12 04 2007
    ► blog2.de - Tolle Ideen für Leute ohne! » Blog Archive » Setkarte? Sedcard? SED-Mitgliedsausweis? (12:44:25) :

    [...] sich Hannibal Lektor Maas hier geleistet sollte ein Fotograf irgendwann aber besser wissen. Wobei: Ich hab frher auch lange Zeit gedacht [...]

  2. 12 04 2007
    Status6 (13:37:58) :

    …den Stöpsel finde ich gut.

    Und wann gibt es diesen Text im “ProllCast”?

  3. 12 04 2007
    Caipi (18:16:11) :

    Oo, hat der echt n Stöpsel um den Hals? ROFL!

    Btw, Jo3 und Tomek haben inzwischen ein Impressum nachgereicht…
    http://www.technosexual.de/impressum/
    http://pupileye.wordpress.com/impressum/

  4. 12 04 2007
    Wer ist eigentlich Paul? Fakeblogger, ck in2u und technosexual: Finite! « (18:45:30) :

    [...] Fragt sich, inwieweit man dem glauben kann und das nicht nur der Versuch ist, aus der ganzen Sache noch halbwegs anständig herauszukommen und das Gesicht zu wahren. Marco Maas von The Maastrix hat übrigens noch eine nette kleine Glosse über das Thema, genauer ges… [...]

  5. 13 04 2007
    Marco Maas (00:57:01) :

    wie arm ist denn bitte die pressemitteilung? und caipi: jupp…

  6. 13 04 2007
    Der Dopplereffekt … « The Eye of the Pupil [Vorsicht Werbung!] (12:28:09) :

    [...] The Maastrix » Wenn Herr Knüwer nicht will on April 12th, 2007 [...]

  7. 13 04 2007
    ex-mbw (17:48:26) :

    Watt geil!
    Jetzt kannst Du ja auch `ne Rechnung rausschicken, Marco. Und das mit dem großen “R” haben unsere “pR-Präkarianten@the abyss” ja auch nicht richtig mitgeschnitten (sic!). Setzen, Sechs! Nächste Halltestelle : Schwachenhausen.

    Von hinten durch die Brust ins Auge: ex-mbw (jo1)

  8. 16 04 2007
    The Maastrix » Interview von Matt: “Verheerend.” (23:02:44) :

    [...] redigiert, ist die Fortsetzung der Agentur-Geschichte von Jo an die Ursprungsgeschichte rangeflanscht. Bookmark [...]

  9. 11 12 2007
    Fakeblogger, ck in2u und technosexual: Finite! | Wer ist eigentlich Paul? (12:12:58) :

    [...] Fragt sich, inwieweit man dem glauben kann und das nicht nur der Versuch ist, aus der ganzen Sache noch halbwegs anständig herauszukommen und das Gesicht zu wahren. Marco Maas von The Maastrix hat übrigens noch eine nette kleine Glosse über das Thema, gen… [...]

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