SocialTV und EM – über die Rolle von Experten

11 06 2012

(Cross-Posting von http://www.soviet.tv)

Zur Fussball-WM und dem ZDF-Social-Media-Ansatz gab es gestern eine kurze Diskussion auf Twitter mit dem Kollegen Jörg Wagner, der auch schon das Rundshow-Projekt sehr intensiv begleitet hat. Um die Gedanken nicht auf 140 Zeichen verkürzt im Twitter-Strom verschwinden zu lassen, möchte ich die an dieser Stelle noch einmal ausführen.

In der ZDF-Fussball-Begleit-Berichterstattung spricht Moderatorin Katrin Müller Hohenstein vor den Spielen und in den Pausen mit Olli Kahn und es gibt immer einen Social-Media-Spot, in dem eine “Online-Moderatorin” zeigen soll, was so im Netz passiert. Das sieht etwa so aus (Screenshots bei @medienmagazin gescreenshottet):

Quelle – Twitpic medienmagazin

Quelle: Twitpic medienmagazin.

Die “Online-Moderatorin” wird mit vielen Worten als Social-Media-Expertin vorgestellt und darf der “echten” Moderatorin und Olli erklären, wie das Netz so tickt. Es werden einzelne Tweets vorgelesen, Seiten zur WM gezeigt etc. – die “echte” Moderatorin gibt sich auch betont unwissend und läßt sich das Internet erklären. Nachdem ich bei makesocial.tv diesen Artikel gesehen habe, frage ich mich aber, was  zuerst da war – Online-Moderatorin, die den Artikel gelesen hat, oder Steffi Aßmann, die die Online-Moderatorinnen-Inhalte in einen Artikel gepackt hat ;-)

Was mich an dieser Art der Präsentation stört ist Folgendes: Social Media, Internet & Co. werden wie ein Fremdkörper in die Sendung präsentiert und nicht beiläufig und selbstverständlich. Im Fernsehen braucht man die Rolle eines Experten, um über etwas zu berichten, was ungewöhnlich ist (ein Spezialist, klassisch: Nahost-, Terror- oder Nazi-Experte).

Der Umgang mit dem Internet ist aber inzwischen weitgehend erlernt, bzw. wird täglich so gelebt, dass es kein Fremdkörper mehr ist. Online-Aktivitäten an sich brauchen keine Erklärung mehr, sondern sind gelebter Alltag: Facebook auf dem Handy, Mail bei der Arbeit, das Online-Tippspiel im Fussball-Verein, meine Mutter spielt online Geschicklichkeitsspiele mit einer amerikanischen Netzbekanntschaft …  Online-Experten hatten vor einigen Jahren noch Berechtigung, inzwischen ist meiner Meinung nach eine andere Präsentation notwendig. Tilo Jung bemerkte völlig zu recht:

Das Ding ist, dass diese Szene auch aus einer ZDF-Übertragung von der WM ’98 stammen könnte

Ich habe in einem alten Rundshow-Blog-Posting diese Art der Präsentation schon einmal bemängelt:

Sieht man sich in der (deutschen) TV-Landschaft um, bietet sich meist eines der folgenden Szenarien:

- “Was sagen die Zuschauer, Tina?” – “Wir hatten viele Anrufe/Mails”, Papiergeraschel
- Experte sitzt am Rechner und berichtet
- Handkamera auf Twitter-Screen am Bildschirm, unübersichtliche Facebook-Walls, Tabs umschalten im Browser (Sorry, ZDF Login…)
- Moderator: “Unser Experte wird nach der Sendung zum Chat zur Verfügung stehen”

Hier möchte ich einmal den Bogen zur BR-Sendung schlagen: Einer der konzeptionell wichtigsten Punkte bei der Rundshow war, diese Alltäglichkeit des Netzes auch in die Sendung mit einfließen zu lassen. Interaktionen in sozialen Netzen oder die Präsentation sollte beiläufig

geschehen und selbstverständlich wirken. Wir wollten gerade keinen Netz-Experten, der uns das Internet erklärt. Daniel Fiene, Sascha Lobo, Sandra Rieß und Richard Gutjahr hatten ihr eigenes Gerät auf dem Schreibtisch in der Hand und konnten selbst Beiträge lesen (oder kommentieren) – Pads, Notebooks und Handys waren nicht Deko, sondern wurden tatsächlich als Arbeitsgerät während der Sendung genutzt. Die Moderatoren konnten – quasi analog zum Selbstfahrer-Studio beim Radio – ausgewählte Beiträge auf den Bildschirm hinter sich werfen, Grafiken einspielen etc. (Ja, selbstverständlich werkelt im Hintergrund eine Schar von Leuten, die die spannensten Beiträge an die Regie und die Moderatoren weitergegeben haben. Dennoch: die Macht lag beim Moderator, die spontane Auswahl, das Passende/Unpassende in die Sendung zu holen – das Prinzip wird in diesem Video - leider keinen Embed-Link gefunden- gezeigt).

Warum steht also nicht einfach ein Netzzugangsgerät (Klischee-Pad, Touchscreen oder Notebook) mit auf dem Pult, in das die “echte” Moderatorin reinschaut und selbst präsentiert?  Das Netz ist einfach da und muss nicht gesondert erklärt werden. Zeitlich sollte es kein Problem sein, diese 5 Minuten vorher oder während des Spiels einigermaßen aktuell vorzubereiten – das kann ja die “Online-Moderatorin” machen, und zusätzlich ggf. noch mit den Netz-Usern einen echten Dialog führen.

(Was ich aber sehr cool finde ist die Ausspielung des Monitors ohne Kabel via Airplay (?) auf das Mega-Display im Wasser:-)


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