Liveview bei Konzerten

27 09 2010

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(Foto: Florian Staudinger)

Ich hatte mich beim Reeperbahnfestival via Twitter über Liveview-Fotografen im Graben geärgert, und habe die Frage bekommen, warum es denn so schlecht sei, mittels Liveview Konzertfotografie zu machen.

Die Idee der Liveview-Funktion ist gut – eine Spiegelreflex-Kamera kann so betrieben werden wie die kleinen Kameras, das Bild ist nicht nur im Sucher zu sehen, sondern direkt auf dem Display. Leider ist die Umsetzung dieser Funktion bei allen mir bekannten Kameras noch nicht über ein besseres Beta-Stadium hinausgekommen und von daher in der Praxis nicht verwendbar.

Autofokus

Der Autofokus funktioniert nur eingeschränkt, ist extrem langsam. Eigentlich ist nur manuelles Fokussieren verläßlich möglich – Für bodennahe Makroaufnahmen ist Liveview bestimmt toll, im Graben manuell per verzögertem Display einen Künstler scharf zu bekommen (bei offenen Blenden von 2.0 – 2.8, sprich

einem sehr kleinen Schärfefeld), grenzt aber an ein Ding der Unmöglichkeit.

Stabilität
Bei Konzerten sind Verschlusszeiten von 1/125 oder ab und an auch 1/80 nicht selten, eine sichere Kamerahaltung verringert hier verwackelte Bilder. Jeder SLR-Fotograf lernt (bzw. sollte lernen) irgendwann, die beweglichen Achsen bei seiner Körperhaltung zu minimieren, sprich: Linke Hand unter die Optik, rechte an den Auslöser, Arme an den Körper und Sucher gg. die Stirn, fester Stand mit leicht gebeugten Knien und versetzten Beinen – und wenn man ein Freak ist, macht man es wie Joe McNally ;-)

Bei der typischen Liveview- bzw. Kompaktkamera-Haltung sind die Arme meist frei “schwebend” vor dem Gesicht, d. h., die Kamera kann nach vorn und hinten verwackeln, falls der Fotograf die Schärfe manuell regelt, ist auch die seitliche Achse nicht fest. auch die leicht gebeugten Knie sind meist nicht möglich. Also: Auch wieder für Konzerte nicht verwendbar.

Sensorwärme

Und jetzt noch ein Argument, bei dem alle lachen, die mich und meinen Umgang mit Objektiven und Kameras kennen, der daher auch nur der Vollständigkeit aufgeführt sein soll: Ein wärmerer Sensor zieht mehr Staub an und kann in der Grabensituation noch schneller verschmutzen. Mehr Stempel-Arbeit am PC = schlecht. Aber faktisch erhöht ein wärmerer Sensor das Bildrauschen, und da im Konzertbereich sowieso im höheren ISO-Bereich gearbeitet wird, verschlechtert sich die Bildqualität wirklich. Ach so, und der Akku wird auch schneller leergelutscht, aber das ist meist ja nicht relevant bei kurzen Auftrittszeiten.

Display-Auflösung vs. Realität

Eine Schärfebeurteilung der entstehenden bzw. entstandenen Aufnahme ist auf einem Kameradisplay nur schwer möglich, weil die Auflösung ja zwangsläufig interpoliert wird, strenggenommen müsste man mit der 300 % Vergrößerung scharf stellen, dann das Bild machen – nicht praktikabel.

Nerv-Faktor
Und ein weiterer entscheidender Faktor: Wenn ein Fotograf sich auf einer hüfthohen Bühne vor den Künstler stellt und ihm die Kamera vor das Gesicht hält, stört es – nicht nur die Zuschauer und die anderen Fotografen, sondern auch den Künstler. Auch wenn es nicht immer von allen Kollegen praktiziert wird – ein unauffälliges Arbeiten mit geringstmöglicher Belästigung der Künstler und zahlender Konzertbesucher ist eines der Hauptziele. Schließlich sorgt ein dezentes Auftreten für gleiche oder (Wunschdenken) bessere Arbeitsbedinungen bei künftigen Konzerten.

Viele von diesen Problem mögen mit künftigen Kameraversionen behoben sein (außer die Stabilitätsfrage). Aber wer im Konzertgraben mit den Herausforderungen “lange” Belichtungszeiten, offene Blenden sowie der Notwenigkeit, unauffällig zu arbeiten, konfrontiert ist, kann derzeit (vermutlich nie) nicht ernsthaft Liveview nutzen.


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3 Antworten zu “Liveview bei Konzerten”

  1. 27 09 2010
    Frank Weber (09:43:02) :

    Danke für den anregenden Artikel. Ich mache es meist anders, insbesondere dann, wenn analog (und das war und ist bei mir die Mehrzahl der “Bilder”): Ich suche mir, wenn irgend möglich, gutes Licht: Open Air ist gerne genommen, Jazz gibt es auch im Beethovensaal (Stadthalle Hannover), wo quasi Konzertsaal-Beleuchtung, gleichmäßig und fein zu finden ist.
    Wenn möglich gehe ich mit der Rolleiflex 6×6 und 27 DIN (ISO 400/27°), auf 30 DIN (ISO 800/30°) entwickelt los, die kann ich über Kopf mit der Mattscheibe einsetzen. Und das Format hilft. Geht aber nur, wenn ich ran kann (was bei den Konzerten, von denen Du berichtest, natürlich nicht geht). Ich habe selten eine kürzere Zeit als 1/60 s, also muss der “entscheidende Moment”, der Stillstand in der Bewegung, erahnt werden und in dem Augenblick ausgelöst werden. Der Zentralverschluss der Rollei und der nicht klappende Spiegel erlauben bis 1/30 s – vorausgesetzt, das “Motiv” wird im rechten Augenblick erwischt – zumutbare Stabilität. Wenn ich die Kamera hochhebe (wegen höheren Standpunktes, dann bilden die Hände links und rechts ein stabiles System mit dem um den Hals gespannten Gurt. Schachtsucher 6×6 erlaubt, zumal wenn es sonst nicht zu hell ist, gutes scharfstellen.
    Wenn ich mit Kleinbild unterwegs bin, dann gerne mit M2,8/90 an der Leica. Und an einem Zweitgehäuse ein 35 mm Objektiv. Meist mit 1/50 s (das ist die “Blitzsynchronzeit”) beim Gummituch-Schlitzverschluss. Messsucher finde ich die für mich beste Lösung zum live scharfstellen.
    Ich gebe gerne und unumwunden zu, dass viele Konzerte so dunkel oder sonst “photofeindlich” sind, dass es da nicht geht nach den oben beschriebenen Methoden vorzugehen. – Aber: Dann kann man es immer noch einfach lassen. Tue ich meist. Aber auch die digitale Lösung mit 1,4/50 an der DX-Nikon bzw. 1,8/35 finde ich gut. Bloß: Dann auch eher in s/w, weil die Neigung, bei rotem Licht ins Clipping zu fahren, bei Nikon einfach zu groß ist.
    Wenn Musiker mich als lästig empfänden, ließe ich es. Ich möchte eine Win-Win Situation, weshalb ich die “Stars” meide und lieber von Newcommern im Bereich Jazz-/Klassik-/Kammermusik Bilder mache. Die wissen die in der Regel zu schätzen, und aus einem anständigen Mittelformat Negativ kann man ggf. per Duplex-/Triplexdruck anständige Plakate/Publicity-Bilder machen. Erinnere mich an einen Pfingstmontag, wo ich 300 Original Vergrößerungen 13 x 18 im Labor gefertigt habe… Die sehen schon anders aus als “Drucke”.
    Gruß
    Frank

  2. 27 09 2010
    Tobi Pirat (10:29:55) :

    OK das hab ich jetzt auch verstanden :D
    Danke.

    PS: Bei meiner Canon dauert das Fokussieren nur unwesentlich länger als ohne Liveview. Was aber bei der fülle an Gegenargumenten wohl nicht ist Gewicht fällt ;)

  3. 27 09 2010
    Alexander (14:26:42) :

    Danke für den Link zum McNally-Video!

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